Widersprüchliches aus Japan nach Fukushima

Zum Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima stand die Kreisversammlung der Grünen ganz im Zeichen des Kampfes gegen die Atomkraft. Münchner Grünen-Sprecherin Antje Wagner berichtete über teils hoffnungsfrohe, teils deprimierende Eindrücke in Japan nach Fukushima. Einleitend ging es aber um unsere allernächste Umgebung.

Antje Wagner berichtet aus Fukushima

Antje Wagner berichtet aus Fukushima

Unmittelbare Auswirkungen einer nuklearen Katastrophe gibt es auch bei uns noch: 27 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind der Ebersberger Forst und die umliegenden Gebiete immer noch deutlich radioaktiv belastet, ergab eine Nachfrage von Kreisrat Max Maier beim Forstbetrieb Wasserburg.

Schwarzwild oft noch hoch belastet

Nach wie vor muss die Strahlenbelastung von erlegtem Schwarzwild in ganz Bayern gemessen werden, so Forstbetriebsleiter Dr. Heinz Utschig. Wie hoch die Wildschweine im Forst belastet sind, hängt davon ab, was für Nahrung sie gefunden haben. Eine besonders hohe Radioaktivität verursachen Hirschtrüffel – kleine Pilzknollen, die das Caesium selektiv aufnehmen und mit mehreren 10 000 Becquerel/kg belastet sein können. Ein an Eicheln und Bucheckern reiches Nahrungsangebot lässt die Werte dagegen sinken. So kommt es, dass der Anteil der Tiere, die nicht für den Verzehr zugelassen werden, jahreszeitlich und von Jahr zu Jahr zwischen 10% und 80% schwankt. Auch das Fleisch von Tieren, die sich außerhalb des Wildparks auf den Feldern ihre Nahrung gesucht haben, überschreitet teilweise die Grenzwerte.

Nach einer der letzten Saujagden mussten alle 37 erlegten Wildschweine entsorgt werden, weil sie mit mehr als 10 000 Becquerel/kg belastet waren. Die Grenze für den Verzehr liegt bei 600 Bq/kg.

Nach Fukushima: Desinformation, Beschwichtigung

Auf Einladung des Kreisverbands berichtete anschließend Antje Wagner, Sprecherin der Grünen im Landkreis München, über ihre jüngsten Eindrücke aus Japan nach Fukushima. Zusammen mit Co-Sprecher Markus Büchler, hat sie nach einem ersten Besuch im Oktober 2011 im Februar diesen Jahres zum zweiten Mal die betroffenen Gebiete in Japan besucht.
Auf der wöchentlichen Freitagsdemo in Tokio mit vielen Tausend Demonstranten erlebte sie zunächst einen vehementen Widerstand gegen die geplante Inbetriebnahme alter, nach Fukushima stillgelegter Reaktoren. Die beiden Münchner Grünen berichteten den Protestierenden vom langen Weg des Widerstands in Deutschland und machten ihnen Mut zum Durchhalten.

Abseits der Demonstrationen sieht die Wirklichkeit jedoch anders aus. Die Vorstellung, dass eine Vollversorgung mit Erneuerbaren nicht nur möglich, sondern sogar unausweichlich und obendrein wirtschaftlich sinnvoll ist, sei für viele Menschen in Japan neu, so Antje Wagner. Dabei hat gerade Japan hohe Potenziale für Windkraft, Photovoltaik und Geothermie. Nach Fukushima war das Land bis Mitte 2012 ganz ohne Atomstrom ausgekommen. Mit Einsparungen und dem intensiven Einsatz alter, CO2-intensiver fossiler Kraftwerke konnte der Strombedarf ohne Ausfälle gedeckt werden. Auf Druck der Atomlobby wurden im Juli 2012 zunächst zwei Reaktoren in Ooi, unweit der Millionenstadt Kyoto, wieder angefahren. Ooi befindet sich auf einer aktiven Erdbebenspalte. Dort sind nun zwei weitere AKWs geplant. Widerstand regt sich hier offenbar nicht.

Bestürzt waren Wagner und Büchlervon der gezielten Desinformation der Bevölkerung. So vermittelten die in den verstrahlten Städten um Fukushima aufgestellten 3900 Messtationen den Einwohnern ein falsches Bild der radioaktiven Belastung. Rund um die Messstationen wurde nämlich dekontaminiert und die Bleibatterien der Geräte schirmen einen Teil der Radioaktivität ab. Bestimmten die beiden Münchner jedoch mit eigenen Geräten in nur fünf Metern Entfernung die Strahlung, so war diese in der Regel mindestens doppelt so hoch und überstieg damit weit die zulässigen Grenzwerte. Antje Wagner demonstrierte das beeindruckend mit Fotos von einer Messstation ausgerechnet neben einem Spielplatz. Ihr Fazit: „Das ist kriminell! Anstelle von Beschönigen und Vertuschen braucht die Bevölkerung ein Recht auf Evakuierung. Wer vor der Strahlung aus diesen Gebieten fliehen will, muss vom Verursacher entschädigt werden.“ Das sei bislang aber selten der Fall.

Die Grüne Partei Japans zählt mittlerweile immerhin 1000 Mitglieder. Für die Oberhauswahl im Sommer sollen landesweit Kandidaten aufgestellt werden. Um überhaupt an den Wahlen teilnehmen zu dürfen, müssen die japanischen Grünen allerdings 600 000 € aufbringen. Durch intensiven Austausch wollen die Deutschen die japanische Schwesterpartei unterstützen. Diverse Kontakte in naher Zukunft sind bereits geplant.

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